Aktuelle Stunde zum Thema «Arbeitskräftemangel»
Landtagspräsident Albert Frick
Sehr geehrte Frauen und Herren Landtagsabgeordnete, wir fahren mit den Beratungen fort. Wir kommen zu Traktandum 9: Die Aktuelle Stunde.Für die heutige Ausgabe hat die Fraktion der FBP das Thema «Arbeitskräftemangel» benannt. Die Redezeiten sind auf dem Bildschirm ersichtlich und ich bitte die FBP um das Einführungsreferat.Abg. Franziska Hoop
Besten Dank für das Wort, Herr Landtagspräsident. Das Papier liegt Ihnen allen vor, weshalb ich direkt mit meinem Votum starte. Dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken, ist eine sehr grosse Herausforderung für Liechtenstein, die dringend angegangen werden sollte. Die ganze Situation wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. Die geburtenstarken Jahrgänge werden in Pension gehen, was das Arbeitskräfteangebot nochmals stark reduzieren wird. Eine Studie der Stiftung Zukunft.li zeigt auf, dass bezogen auf die Erwerbsquote, Liechtenstein doch einiges schlechter dasteht, als es die Schweiz tut. Denn bei uns ist sie um 7% niedriger und bei den Frauen sogar um 10% tiefer. Das heisst konkret, dass 600 bis 700 Stellen in Liechtenstein besetzt werden könnten, wenn die hier wohnhaften Frauen im gleichen Umfang einer Erwerbstätigkeit nachgehen würden wie die Frauen in der Schweiz. Per Ende 2019 gingen 69% der in Liechtenstein wohnhaften Frauen einer Erwerbstätigkeit nach, waren es in der Schweiz zum gleichen Zeitpunkt 79%. Die Zahlen zeigen es, dass die Frauen in Liechtenstein, verglichen mit den in der Schweiz wohnhaften, weniger aktiv im Berufsleben stehen und dies, obwohl die Rahmenbedingungen ähnlich sein dürften (wenn auch punktuell offenbar doch unterschiedlich). Die Frauen steigen offenbar oft aus dem Erwerbsleben aus, was ziemlich sicher bei vielen auf die Geburt des ersten Kindes zurückzuführen ist. Denn die Erwerbstätigkeit knickt deutlich ab dem Alter von 30 Jahren ein. Und dies trotzdem, dass heutzutage Frauen gleich gut oder sogar zum Teil besser ausgebildet sind als die Männer. Will man dem Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt entgegenwirken, liegt ein sehr grosses Potenzial also direkt vor unserer Haustüre - ohne zusätzliche Zuwanderung, ohne grossen zusätzlichen Verkehr aus der Region. Bezüglich der Thematik ältere Arbeitskräfte beziehungsweise der hohen Abgänge der Arbeitskräfte, ist wie erwähnt festzuhalten, dass die geburtenstarken Jahrgänge die nächsten Jahre in Pension gehen und den Arbeitsmarkt verlassen. Dies zu einem grösseren Teil, als Neue nachrücken. Es sollten also auch Ansätze geprüft werden, wie ältere Arbeitskräfte im Arbeitsleben gehalten werden können und zumindest in einem vernünftigen Teilpensum. Der Erfahrungsschatz dieser Gruppierung ist von unschätzbarem Wert. Verschiedene Modell wären hier, je nach Berufsgruppe und körperlicher Betätigung natürlich, sicherlich möglich. Die Erwerbsquote, und allen voran die Frauenerwerbsquote, gilt es als Staat mittel- bis längerfristig also zu halten beziehungsweise sogar zu optimieren - ob wir wollen oder nicht. Diese zusätzliche Erwerbstätigkeit und die damit höhere Bruttolohnsumme ist für eine Volkswirtschaft enorm wichtig. Sie erhöht das Steuersubstrat, die wichtigen Beiträge in die Sozialsysteme wie AHV und wirkt, wie wir heute primär besprechen, dem immer schlimmer werdenden Fachkräftemangel entgegen. Aber was kann der Staat dafür tun? Hierfür gibt es sicherlich diverse Ansatzpunkte. Für den Lebens- und Wirtschaftsstandort Liechtenstein sind unter anderem die Rahmenbedingungen für junge Frauen und Männer im familienbildenden Alter und darüber hinaus zu optimieren, dies vor allem auch, um die Frauen im Beruf zu halten. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frau und Mann wird je länger, je mehr von Wichtigkeit sein, wenn sich ein Arbeitnehmer, auch aus dem Ausland, für eine Arbeitsstelle entscheidet. Sagen wir die Work-Life-Family-Balance, also die Vereinbarkeit vom Beruf mit den unterschiedlichen Ansprüchen ausserhalb des Jobs, wird immer wichtiger werden. Dies sowohl für Männer wie auch für Frauen. Es scheint mir, und Ihnen sicherlich ebenfalls, als würde es hierfür bei uns in Liechtenstein klar noch Luft nach oben geben. Ich möchte der Diskussion nicht zu viel vorwegnehmen. Aber weitere Punkte, wie zum Beispiel die steuerliche Entlastung der berufstätigen Familien, zum Beispiel die Betreuungskosten der Kinder als Berufsauslagenkosten analog Fahrtweg und Verpflegung, bei den Steuern in Abzug bringen zu können, wäre zudem wahrscheinlich erneut an der Zeit zu prüfen. Gerade das ist in der Schweiz bis zu einem bestimmten Betrag heute schon möglich und ist je nach Einkommensniveau sicherlich nicht unwichtig, gerade auch bei einem kleinen Teilpensum. Denn eines ist sicher, Arbeit und somit die Kinder in andere Hände zu geben, muss sich klar lohnen, sonst wird uns die beste Frau nicht zurückkommen. Dieser abziehbare Maximalbetrag wird nun in der Schweiz ab 1. Januar 2023 sogar aufgrund der Schweizer Fachkräfteinitiative deutlich erhöht, um eben die Integration von gut ausgebildeten Frauen in den Arbeitsmarkt zu verbessern. Wie erwähnt, wäre dies ein Ansatzpunkt. Es gibt diverse weitere Handlungsfelder, welche wir nun gerne gemeinsam diskutieren können. Ich bin sehr interessiert zu hören, welche Ansätze die unterschiedlichen Parteien einbringen. Die Fraktion der FBP möchte diese Diskussion mit den folgenden Fragen eröffnen:- Was sind die Gründe, weshalb die Erwerbsquote allgemein 7% tiefer liegt und insbesondere diejenige der Frauen mit 10% deutlich tiefer liegt im Verhältnis zum Nachbarland Schweiz mit vergleichbaren Rahmenbedingungen?
- Sehen die politischen Vertreterinnen und Vertreter Handlungsbedarf, um dem bereits vorhandenen Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken? Wenn ja, wie und wo?
- Welchen Beitrag kann eine bessere Frauenerwerbsquote für geringeren Arbeitskräftemangel leisten?
- Welche Hebel könnten in der Bildungs- und Gesellschaftspolitik gestellt werden, damit die Erwerbsquote allgemein und insbesondere diejenige der Frauen erhöht werden kann?
Ich bin sehr gespannt, welche Inputs Sie haben und wie Sie sich zu diesem Thema und den Fragen äussern. Besten Dank.Landtagspräsident Albert Frick
Vielen Dank.Landtagsvizepräsidentin Gunilla Marxer-Kranz
Besten Dank für das Wort. Geschätzte Damen und Herren Abgeordnete. Auch wenn in den letzten Jahren vor allem der Fachkräftemangel immer wieder thematisiert wurde, darf nicht vergessen werden, dass wir - vor allem eben aufgrund der demografischen Entwicklung - je länger, je mehr mit einem Arbeitskräftemangel konfrontiert sein werden. Gerade bei den handwerklichen Berufen fehlt der Nachwuchs. Die ausgeschriebenen Lehrstellen werden vielfach nicht besetzt oder sind nur zweite oder dritte Wahl. «Nur» Handwerker zu sein, reicht vielfach nicht mehr aus. Die Berufslehre hat an Attraktivität verloren. Das bewährte Handwerk hat den goldenen Boden nicht mehr. Das hat nicht zuletzt auch mit der schwindenden Wertschätzung gegenüber Handwerkern zu tun. Mehr gesellschaftliche Anerkennung, höhere Löhne und die Hoffnung auf eine vermeintlich bessere Zukunft verleiten viele zu einem Studium oder zu einer höheren Ausbildung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass heute vielerorts qualifizierte Berufsleute, die ihr Handwerk auch verstehen, fehlen. Doch sind es eben genau diese Berufsleute, die einen wichtigen Beitrag zum Funktionieren unserer Gesellschaft und zum Ausbau und Erhalt unserer Infrastruktur leisten. Aber auch bei den Pflegeberufen fehlt oft der Nachwuchs, sodass sich auch hier ein Arbeitskräftemangel abzeichnen wird. Der Bedarf an mehr diplomierten Pflegefachpersonen ist unbestritten. Der Anteil älterer Personen an der Gesamtbevölkerung wird stetig steigen und damit auch der Bedarf an professioneller Pflege und Unterstützung. Bereits heute haben Spitäler und Pflegeeinrichtungen Mühe, genügend Pflegefachpersonen zu finden. Der Anteil des Pflegefachpersonals in der Schweiz mit ausländischem Abschluss beträgt heute in den Spitälern und Pflegeheimen im Durchschnitt rund 30%. Und auch wir in Liechtenstein sind im Pflegebereich auf viele Zupendler angewiesen. Es ist deshalb umso wichtiger, frühzeitig kompetentes Fachpersonal auszubilden und die Rahmenbedingungen zu verbessern. Letztlich droht aber auch im Bereich der Hochschulabsolventen ein künftiger Arbeitskräftemangel, denn die Zahl der Studenten steigt deutlich schwächer an als noch vor einigen Jahren und gründet auch hier vor allem auf die demografische Entwicklung. Auch ich sehe in einer besseren Ausschöpfung des inländischen Arbeitskräftepotenzials - und hier vor allem auch der Frauen - eine mögliche Lösung dieses Problems. Gerne möchte ich nun auf die gestellten Fragen eingehen: Die erste Frage war: Was sind die Gründe, weshalb die Erwerbsquote allgemein 7% tiefer liegt und insbesondere diejenige der Frauen mit 10% deutlich tiefer liegt im Verhältnis zum Nachbarland Schweiz mit vergleichbaren Rahmenbedingungen? Hier muss sicher berücksichtigt werden, dass bei der Quote Personen zwischen 20 bis 64 Jahren mit berücksichtig wurden. Diese Zahl der Erwerbsquote wird sich demnächst wohl noch ändern, da heutzutage doch viele Frauen nach der Babypause wieder zurück in den Beruf einsteigen. Ausserdem gibt es aktuell noch zahlreiche Frauen kurz vor dem Pensionsalter, die sich noch ausschliesslich der Haus- und Familienarbeit gewidmet haben. Je nach Status und Einkommen des Ehemanns war es früher angebracht, nicht einer bezahlten Arbeit nachzugehen, so nach dem Motto «wir können es uns leisten, dass die Frau daheim bleibt». Hinzu kommt, dass es zu wenig beziehungsweise noch gar keine Kitaplätze oder Tagesstrukturen gab und auch die Blockzeiten in den Schulen es nicht zuliessen, einer Arbeit nachzugehen, um rechtzeitig das Mittagessen für Mann und Kinder auf den Tisch zu bringen. Der Mann macht Karriere und die Frau hält ihm den Rücken frei. Dieses traditionelle und auch festgefahrene Rollenmodell ist in Liechtenstein nach wie vor bei einigen präsent. Es gibt auch viele Frauen, die ab 30 beziehungsweise nach der Geburt der Kinder keine Vollzeitstelle oder gar keine Stelle mehr antreten wollen, sondern sich nur noch um die Familie und das Heim kümmern möchten. Der Unterschied zur Schweiz besteht wohl hier darin, dass es sich in Liechtenstein - eben im Gegensatz zur Schweiz - viele Familien, wie bereits erwähnt, finanziell auch leisten können, dass ein Elternteil - meist die Mutter - keiner Arbeit mehr nachgehen muss. Auch die nach wie vor noch nicht wirklich erreichte Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist hinderlich, um das brach liegende Potenzial von gut ausgebildeten Frauen wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Ein weiteres Problem ist, dass Frauen, welche ihr Pensum auf unter 50% reduzieren, oftmals nicht mehr die gleiche Tätigkeit ausüben können als vor der Geburt. Die Stelle, die ihnen in Teilzeit angeboten wird, ist oftmals weniger qualifiziert und weniger befriedigend. Und für eine Führungsposition ist zumeist ein Arbeitspensum von über 80% notwendig. Dies ist aber in der Schweiz nicht anders und erklärt den vergleichbar deutlich tieferen Wert der Frauenerwerbsquote in Liechtenstein kaum. Vielfach wird auch das Argument in den Raum gestellt, meine Vorrednerin hat es angesprochen, der Lohn einer Teilzeitstelle und die Finanzierung der Kita würden sich aufheben, daher lohne es sich gar nicht für die Frauen, arbeiten zu gehen. Diese Begründung kann man allenfalls anfangs gelten lassen, nicht aber, wenn die Kinder den Kitaplatz aufgrund ihres Alters nicht mehr benötigen. Denn der Vorteil ist offensichtlich bei einer schnellen Rückkehr in den Beruf: So sichern sich die Frauen langfristig ihre Arbeitsmarktfähigkeit, ihre Eigenständigkeit und die berufliche Weiterentwicklung. Nicht zu vergessen das Einzahlen in die berufliche Vorsorge.Zur zweiten Frage: Sehen die politischen Vertreter, Vertreterinnen Handlungsbedarf, um dem bereits vorhandenen Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken? Wenn ja, wie und wo? In Anbetracht der vorhin bereits erwähnten Verschiebung der Generationen ist klar ein Handlungsbedarf gegeben. Das Problem ist aber nicht nur, dass ein Arbeitskräftemangel herrscht, sondern auch ein Fachkräftemangel. In den vom Fachkräftemangel am stärksten betroffenen Branchen lag für lange Zeit auch ein Mangel an Frauen vor. Dies hat sich mittlerweile etwas geändert und vermehrt Frauen finden ihren Weg auch in die sogenannten typischen Männerberufe. Um das Arbeitskräftepotenzial von Frauen besser ausschöpfen zu können, soll vermehrt auf Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung der Unternehmen gesetzt werden. Dies stärkt Frauen in ihrer Berufswahl, vor allem auch im Bereich der MINT-Berufe. Jedoch muss letztlich der Arbeitnehmer, die Arbeitnehmerin auch auf die ausgeschriebene Stelle passen und die entsprechende Ausbildung besitzen. Es ist nicht zielführend, einfach zu schauen, dass mehr Arbeitskräfte beschäftigt werden. Es muss auch das entsprechend qualifizierte Personal sein. Hier sehe ich vor allem die Notwendigkeit einer Ausbildungsoffensive. So sollten Betriebe auch selber daran interessiert sein, ihr Personal gezielt zu schulen. Die Lehrlinge von heute sind die Fachkräfte von morgen. Somit sollten die Betriebe daran interessiert sein, die Lehrstellen attraktiv zu gestalten und in die Ausbildung zu investieren. Häufig bleiben Lehrstellen für spezialisierte Berufe unbesetzt, weil sich nicht genügend interessierte Bewerber finden lassen. Auch auf flexible Arbeitsmodelle sollte gesetzt werden und auch Homeoffice sowie Teilzeitstellen sollten vermehrt angeboten werden. Dies würde vor allem den Müttern entgegenkommen, um so sowohl Beruf als auch Familie gerecht werden zu können. Eine weitere Lösungsmöglichkeit wäre sicher auch, ältere Mitarbeitende länger im Beruf zu halten. So könnte, neben der Bekämpfung des Arbeitskräftemangels, auch vom wertvollen Know-how der älteren Arbeitnehmer profitiert werden. Ausserdem könnte dabei auf eine altersgerechte Weiterbildung oder eine Veränderung des Aufgabenbereichs gesetzt werden. Eine gute Altersstrategie berücksichtigt diese Umstände. Ganz kurz möchte ich noch auf das sogenannte Schwedische Modell zu sprechen kommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die schwedische Regierung vor der Frage, woher die Arbeitskräfte nehmen, die notwendig waren, um das Wirtschaftswachstum zu bewältigen. Die Lösung bestand darin, die Frauen für den schwedischen Arbeitsmarkt zu gewinnen. Das sogenannte Ernährermodell, welches auch wir hier in Liechtenstein nach wie vor grossmehrheitlich verfolgen, also das Modell, nach dem der Lohn des Mannes für die ganze Familie reichen sollte, wurde hinterfragt. Die Antwort Schwedens hierauf war, ein flächendeckendes Betreuungsmodell von bester Qualität und tiefen Kosten sowie ein umfassender Elternurlaub. Dieses Dreieck: Elternurlaub, bezahltes Betreuungsangebot und ein Betreuungsangebot von bester pädagogischer Qualität sind bis heute die Eckpfeiler dieses Schwedischen Modells. Und auch die hohe Präsenzzeit für Arbeitnehmer, so wie sie bei uns ist, ist so in Schweden nicht der Fall. Ausserdem ist es in Schweden selbstverständlich, dass mehr oder weniger alle Kinder eine Kita besuchen und es ausser Tagesschulen keine andere Schulorganisation gibt. Allerdings stehen dieser Entwicklung massiv höhere Steuerbelastungen gegenüber.Die dritte Frage: 3. Welchen Beitrag kann eine bessere Frauenerwerbsquote für geringeren Arbeitskräftemangel leisten? Ich glaube, diese Frage beantwortet sich von selber. Je mehr Frauen wieder ins Erwerbsleben einsteigen, desto mehr Arbeitskräfte sind auf dem Markt. Die demografische Entwicklung und der gesellschaftliche Wandel machen dies notwendig. Eine volle Erschliessung des Arbeitskräftepotenzials würde auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Nicht vergessen werden darf aber, dass Liechtenstein aufgrund der Kleinheit mit seiner Bevölkerung nie alle Arbeitsplätze besetzen kann und immer auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sein wird, damit die Unternehmen die Auftragslage bewältigen können.Die vierte Frage: Welche Hebel könnten in der Bildungs- und Gesellschaftspolitik gestellt werden, damit die Erwerbsquote allgemein und insbesondere diejenige der Frauen erhöht werden kann? In den vom Fachkräftemangel am stärksten betroffenen Branchen lag für lange Zeit auch ein Mangel an Frauen vor. Dies hat sich mittlerweile etwas geändert und vermehrt finden Frauen, wie ich schon gesagt habe, den Weg in die sogenannten typischen Männerberufe. Wenn wir die Erwerbsquote allgemein, aber im Besonderen die der Frauen erhöhen wollen, müssen wir endlich das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf zuoberst auf die Agenda setzen und Nägel mit Köpfen machen. Neben qualifizierten Teilzeitstellen für Frauen und Männer braucht es mehr Akzeptanz und Wertschätzung von geleisteter Care-Arbeit, die immer noch hauptsächlich von Frauen und meist ehrenamtlich geleistet wird. Auch die wertvollen Kompetenzen, die sich Frauen während der Erziehungs- und Familienarbeit aneignen, werden beim Wiedereinstieg nicht entsprechend honoriert. Elternteile, die Familienarbeit leisten, sollen in der Alters- und Risikovorsorge nicht benachteiligt sein und so braucht es auch eine Pensionskassenlösung für das klassische Familienmodell. Hier erwarten wir mit Spannung die noch hängige Beantwortung der Motion «Stärkung der Familien- und Erziehungsarbeit» der VU-Fraktion aus dem Jahre 2019. Zudem werden wir uns demnächst hier im Plenum mit der Umsetzung der Elternzeit und des Elternurlaubs zu befassen haben. Lebenslanges Lernen wird immer wichtiger. Nicht nur für Gesellschaft und Wirtschaft, sondern auch für die persönliche Entwicklung jeder und jedes Einzelnen. Lebenslanges Lernen hilft vor allem auch den Frauen, mit sozialen Veränderungen umgehen zu können und sich besser den Herausforderungen des Arbeitsmarktes zu stellen, insbesondere dann, wenn man eine längere Pause eingelegt hat. Vor allem im Berufsleben kann ein erstklassiges Know-how die Eintrittskarte für eine neue Position oder eine neue Arbeitsstelle sein. Letztlich sind es aber wohl auch die weichen Faktoren, die die Wahl des richtigen Arbeitgebers ausmachen und deretwegen sich Frauen dafür entscheiden, wieder ins Erwerbsleben einzusteigen. Einerseits die Arbeitsbedingungen und andererseits ein angenehmes Arbeitsumfeld. Hierzu zählen unter anderem ein gutes Arbeitsklima, aber auch ganz generell flexible Arbeitszeiten sowie die erwähnte Weiterbildungsmöglichkeit. Besten Dank. Landtagspräsident Albert Frick
Vielen Dank.Abg. Patrick Risch
Vielen Dank für das Wort, Herr Präsident. Vielen Dank auch der FBP, dass sie das Instrument der Aktuellen Stunde ergriffen hat und dieses interessante Thema eingebracht hat. Die FBP wirft die Frage auf, weshalb die Erwerbsquote in Liechtenstein tiefer ist als in der benachbarten Schweiz. Die Gründe für diese niedrige Erwerbsquote in Liechtenstein können nur vermutet werden. Ein Grund könnte die Tatsache sein, dass ein Paar, welches in die Familienplanung einsteigt, sich überlegt, welcher Partner zu Hause bleibt und sich um die Familienarbeit kümmert. Frauen verdienen heute im Schnitt immer noch 14,4% weniger als Männer für die gleiche Arbeit. Für viele ist es dann eine logische Schlussfolgerung, dass die Frau zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert. Leider ist Teilzeit mit kleinen Pensen bei vielen Arbeitgebern immer noch nicht gerne gesehen - vor allem bei Personen, die eine führende Stellung haben. Nachdem die Kinder gross sind, hat der Partner/die Partnerin, die sich um die Familie kümmerte, dann meist den Anschluss an die Arbeitswelt verloren. Eine Anknüpfung an die Karriere, die vor der Familienplanung im Gange war, ist nicht mehr möglich. Die Arbeitsstelle -verständlicherweise - ist schon durch jemand anderen besetzt. Und wenn der Anschluss an die Arbeitswelt doch noch gegeben ist, ist man und frau dann oftmals zu alt für die Wirtschaft von heute.So, was könnte die Politik nun tun? Endlich eine bezahlte grosszügige Elternzeit einführen. Die heimische Wirtschaft und die Politik tun sich seit Jahren schwer mit der bezahlten Elternzeit. Es wird - wenn überhaupt - nur ein absolutes Minimum angeboten. Wie wäre es mit einer grosszügigen Regelung von zwei Jahren für beide Elternteile, die es auch beiden Elternteilen erlaubt, in Teilzeit sich um die Familie zu kümmern? Ja, das kostet Geld. Doch kostet der Fachkräftemangel die Wirtschaft schlussendlich nicht mehr?Dann: Endlich genügend Plätze bei den Kindertagesstätten anbieten, und das nicht nur für Kleinkinder, sondern es braucht auch Tagesstrukturen für Kinder im Primarschul- und dem frühen Sekundarschulalter. Die letzte Regierung hat sogar ein Moratorium bei den Kindertagesstätten verhängt. Es war zwar erlaubt, noch neue Plätze anzubieten, nur der Staat hat sich nicht an den Kosten beteiligt. Gleichzeitig wurde von Förderung der Familie gesprochen. Überspitzt gesagt, konnten schlussendlich nur diejenigen ihre Kinder in eine Tagesstätte bringen, die es sich leisten konnten, nicht zu arbeiten. Endlich Teilzeitarbeit nicht mehr bestrafen. Auch wenn offiziell immer noch von Förderung der Teilzeitarbeit gesprochen wird, so kommen mir immer wieder Fälle zu Ohren, bei denen Firmen der Teilzeitarbeit einen Riegel vorschieben. So wird das Arbeitspensum oftmals bei mindestens 60% angelegt. In der Praxis läuft es dann darauf hinaus, dass ein Paar sich entscheiden muss, wer zu Hause bleibt. Denn zwei Mal 60% gibt immer noch 120% - was dann wieder zu wenig Zeit für die gemeinsame Familienzeit übrig lässt. Das Minimum müsste bei 40% liegen. Vermutlich muss hier der Gesetzgeber aktiv werden und eine gesetzliche minimal geduldete Teilzeitarbeit fordern. Die LIHK sieht noch ein weiteres Potenzial an Fachkräften: Die ältere Bevölkerung verstärkt im Arbeitsleben zu halten. Und sie gibt schon ein paar Empfehlungen an sich selbst, aber auch an die Politik. Die Politik soll flexiblere gesetzliche Regelungen für Arbeitnehmende vor und während der Pensionierung machen. Aber auch die Wirtschaft selbst ist hier gefragt: Die Aufgabenbereiche für Ältere anpassen, die Weiterbildung sicherstellen und projektbezogene Arbeitseinsätze - das sind die Vorschläge der LIHK. Eine weitere Massnahme, um welche die Wirtschaft sich kümmern muss: Eine gesunde Work-Life-Balance sicherzustellen. Zum Beispiel keine 24-Stunden-Verfügbarkeit der Arbeitnehmenden fordern und auch nicht dulden, dies auch nicht in der Führungsetage. Die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, in Neudeutsch Homeoffice, verstärkt den Effekt der 24-Stunden-Erreichbarkeit zusätzlich - gewollt oder ungewollt. Arbeitgeber müssen Arbeitnehmende vor sich selbst schützen. So sind E-Mails und der Zugang zum Firmennetzwerk für gewisse Stunden zu sperren. Nur so ist sichergestellt, dass die Erwerbstätigen nicht in ein Burn-out verfallen und sich mit 55 ausgebrannt fühlen und sich nach der Pensionierung sehnen.Der Landtagsvizepräsidentin stimme ich zu, dass die Attraktivität der handwerklichen Berufe gesteigert werden muss - dringend. Und auch wenn es ketzerisch ist, so müssen wir uns auch einmal hinterfragen: Muss ein stetiges Wirtschaftswachstum überhaupt sein? Sollte die Wirtschaft nicht mal an einem Punkt angekommen sein, dass eine Balance zwischen Arbeit und Fachkräften, Kosten und Nutzen, Einkommen und Auskommen gegeben ist? Ein stetiges Wachstum hat schon immer zu einem Kollaps geführt. Werden wir generell glücklicher, gesünder oder nachhaltiger durch stetiges Wachstum? Zerstören wir nicht unsere Umwelt mit der stetigen Gier nach mehr? Landtagspräsident Albert Frick
Vielen Dank.Abg. Sebastian Gassner
Vielen Dank für das Wort, Herr Landtagspräsident. Geschätzte Herren und Frauen Abgeordnete. Besten Dank auch an meine Vorredner. Es dürfte uns alle interessieren, was die Gründe für die geringe Erwerbsquote in Liechtenstein sind - oder die geringere Erwerbsquote als in der Schweiz. Insbesondere, weil unsere Wirtschaft um jede zusätzliche Arbeitskraft froh wäre. Inwieweit das ein Problem darstellt, liegt jedoch im Auge des Betrachters. Auch ich kann mir durchaus vorstellen, dass es mit dem einen oder anderen Privileg verbunden sein kann, wenn man keiner regulären Beschäftigung nachgehen muss. Auch die Möglichkeit, sich zu 100% um die Kinderbetreuung kümmern zu dürfen, kann gewissermassen als Privileg erachtet werden. Um die signifikanten Unterschiede zur Schweiz zu erklären, wäre womöglich ein differenzierterer Blick auf städtische und ländliche Gebiete wertvoll. Allerdings ist Liechtenstein zwar ländlich geprägt, sollte sich wirtschaftlich aber mit Ballungszentren vergleichen können. Das Potenzial der nicht erwerbstätigen Bevölkerung haben einzelne Unternehmen bereits erkannt. Diese versuchen mit attraktiven Teilzeitmodellen und modernen Arbeitsbedingungen zu punkten. Dass nicht alle Branchen über diese Möglichkeiten verfügen, darf uns nicht daran hindern, attraktive Rahmenbedingungen für moderne Arbeitsmodelle zu fördern. Für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum gewinnt eine ausgewogene Work-Life-Balance zunehmend an Bedeutung. Dazu gehört auch, dass man seinen Arbeitsweg stressfrei bewältigen kann. Deshalb muss auch dringend unser Verkehrssystem verbessert werden. Bei jeder Jobbewerbung spielt der Arbeitsweg eine wichtige Rolle. Leider lässt auch eine Erhöhung der Frauenerwerbsquote wenig Hoffnung für eine zeitnahe Entlastung des Arbeitskräftemangels zu. Um das theoretische Potenzial von knapp 700 Vollzeitstellen zu erschliessen, müssten Frauen aus allen Generationen den Weg zurück ins Arbeitsleben finden. Um die Frauenerwerbsquote jedoch für die Zukunft zu erhöhen, muss der Fokus bereits heute auf der jüngeren Generation liegen. Sowohl in die Berufsausbildung als auch in die schulische Ausbildung investieren alle Akteure sehr viele Ressourcen. Dieses Investment darf mit einem längerfristigen Erwerbsausfall nicht entwertet werden. Auch wenn ein Arbeitspensum von 50% des Mannes und 50% der Frau in Summe gleich viel wie einmal 100% und einmal 0% ergeben, dürfen in dieser Rechnung nicht die langfristigen Effekte und die Auswirkungen für die Volkswirtschaft ignoriert werden. Zwei mal 50% sind eben viel flexibler und können sehr einfach beispielsweise auf zweimal 80% variiert werden. Gegebenenfalls müssen wir uns Gedanken über ein Anreizsystem für Teilzeitarbeit oder gar eine Reduktion der Wochenarbeitszeit machen. Nicht nur Arbeitnehmer sollen von einer solchen Flexibilität profitieren, sondern auch Arbeitgeber sollten dadurch mehr Flexibilität ihrer Mitarbeiter fordern können.Das Bildungswesen sehe ich im naturwissenschaftlichen Bereich besonders gefordert. Die Nachfrage nach Schulabgängern mit Kompetenzen in den MINT-Fächern, also Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, wird auch in Zukunft unverändert hoch sein. Leider korreliert diese Nachfrage nicht immer mit der Begeisterung der Kinder und noch weniger mit der Begeisterung der Mädchen. Neue Technologien, die gesellschaftlichen Veränderungen, aber auch der Arbeitskräftemangel werden leider dazu führen, dass Unternehmen und ganze Branchen verschwinden werden. Das ist auf den ersten Blick zwar unangenehm, für den Wirtschaftsstandort aber wichtig, da dadurch wieder Arbeitskräfte für neue und zukunftsfähige Unternehmen auf den Markt kommen. Für mich ist es ein Privileg, dass wir uns der Frage stellen können, wie wir den Arbeitskräftemangel beheben können und uns nicht um neue Arbeitsplätze bemühen müssen. Dennoch müssen wir dieses Grundbedürfnis nach Arbeitskräften ernst nehmen. Denn andere Standorte verfügen über Arbeitskräfte und sind deshalb entschlossen, für die Ansiedlung von neuen Unternehmen zu werben.Gerne möchte ich mein Votum mit einem weiteren aktuellen Thema abschliessen. Ich möchte besonders beliebt machen, wie wir das heute Vormittag gehört haben, dass wir uns für eine gute Integration der ukrainischen Flüchtlinge in unsere Wirtschaft stark machen. Auch in dieser düsteren Zeit träume ich von einer Zeit nach dem Krieg und hoffe auf einen wirtschaftlichen Wiederaufbau der Ukraine. Wenn wir diesen Prozess mit einem Wissenstransfer und einer guten Partnerschaft unterstützen können, wäre das von unschätzbarem Wert für alle Akteure. Vielen Dank. Landtagspräsident Albert Frick
Vielen Dank.Abg. Manuela Haldner-Schierscher
Besten Dank für das Wort. Ich möchte mich bei der FBP-Fraktion bedanken für das Einbringen dieses wichtigen Themas anlässlich dieser Aktuellen Stunde. Es wurde von meinen Vorrednerinnen und Vorrednern schon sehr viel Wichtiges und Richtiges gesagt, was ich vollumfänglich unterstützen kann, und ich bedanke mich für diese Voten. Um Wiederholungen zu vermeiden, möchte ich vor allem der Care-Arbeit ein Kränzchen winden. Ein Grundproblem ist, dass nach wie vor feste Rollenzuschreibungen, vor allem auch im privaten Bereich verankert sind. Vor allem Frauen reduzieren durch die vorherrschende geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ihre Erwerbspensen und leisten unbezahlt den Grossteil der Betreuungspflege und Haushaltsarbeit. Dazu kommt, dass der Staat diese Arbeit in diesen privaten Bereich delegiert und statuiert, dass Frauen intrinsisch motiviert diese Arbeiten ausschliesslich gerne machen. Eine echte Wahlmöglichkeit liegt jedoch oft aus diversen Gründen nicht vor. Die Politologin Emilia Roig sagt, dass Care-Arbeit viel mehr ist als nur Pflege. Sie nennt es die Arbeit der Liebe, deren Summe aus vielen kleineren und grösseren Arbeiten ein riesiges Volumen ausmacht. Wertvolle Arbeit und enorm wichtig für die Befindlichkeit einer Gesellschaft. Doch dass diese Arbeiten vorwiegend von Frauen übernommen werden müssten, ist kein Naturgesetz. Roig stellt weiter die These auf, dass, wenn Care-Arbeit gut bezahlt würde, Männer diese gerne übernehmen würden, was wiederum den Vorteil hätte, dass diese Arbeit zudem auch noch gewürdigt wird. Fakt ist: Wir haben eine ungleiche Verteilung der bezahlten Arbeit und eine ungleiche Bewertung von unbezahlter und bezahlter Arbeit. Was wir brauchen, ist eine Kulturrevolution, die ganz früh ansetzt: Nämlich mit mehr gemeinsamer Elternschaft. Eine gesellschaftliche Verständigung darüber, dass eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf den Eltern gleichermassen ermöglichen würde, dass die Care-Arbeit in der Familie besser aufgeteilt und auch die Väter in die Pflicht genommen oder ihnen einfacher ermöglicht würde, sich an der Reproduktionsarbeit zu beteiligen, und Frauen und Männer gleichermassen der Erwerbsarbeit nachgehen könnten. Zudem könnten diejenigen, die die Kinderbetreuung nicht ausserhäuslich abgeben wollen, diese mit einer besseren Aufteilung und Unterstützung selber übernehmen. De facto dient Care-Arbeit heute in hohem Masse der Wirtschaft. Die Männer könnten nämlich gar nicht so viel arbeiten, wenn die Frauen diese Arbeiten nicht für sie übernehmen würden. Wenn der Fokus verschoben würde von: «Wie bringen wir mehr Frauen in die Erwerbsarbeit?», hin zu: «Wie verteilen wir die unbezahlte Arbeit besser und werten diese Arbeit auf, geben wir ihr die gesellschaftliche Anerkennung, die ihr zusteht?» Und dann wird sich die Situation zugunsten aller verschieben. Heute wurde in zwei Kleinen Anfragen darauf eingegangen, wie die Regierung sich die Umsetzung der EU-Richtlinien vorstellt und wie weit die von der Regierung zu erstellende Gleichstellungsstrategie gediehen ist. Auf diese Strategie warten wir, gerade auch hinsichtlich der von der FBP gestellten Fragen zu dieser Aktuellen Stunde, mit grosser Spannung. Vielen Dank. Landtagspräsident Albert Frick
Vielen Dank.Abg. Mario Wohlwend
Danke, Herr Präsident. Dem Arbeitskräftemangel entgegenwirken, aber wie? Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel und von dem ist auch Liechtenstein nicht ausgeschlossen. Jeder Teilnehmer im Arbeitsmarkt hat dabei seine Hausaufgaben.Die finanziellen Möglichkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind ein gewichtiger Mosaikstein in diesem Baukasten. Einerseits geht es um die Fähigkeit, am Arbeitsmarkt teilzunehmen, um ein Einkommen zu generieren, andererseits geht es darum, sich um die bestmögliche Betreuung und Erziehung zu kümmern. Um der Gleichstellung und der Wahlfreiheit Schub zu verleihen, würde ich analog dem Preis «Familienfreundliches Unternehmen» eine Auszeichnung «Lohngleichheit für Mann und Frau» inszenieren. Des Weiteren sollten der Staat und staatsnahe Betriebe als gutes Beispiel vorangehen, indem sie flexible Arbeitsmodelle und attraktive Arbeitsbedingungen bieten. Lasst uns die Wahlfreiheit stärken. Leisten die Arbeitgeber und Arbeitnehmer weiterhin gemeinsam ihren unternehmerischen Beitrag, werden wir auch in Zukunft den Wohlstand und die Lebensqualität in unserem Land geniessen dürfen.Landtagspräsident Albert Frick
Die Zeit der VU ist abgelaufen. Abg. Mario Wohlwend
Besten Dank. Landtagspräsident Albert Frick
Ich muss Sie leider unterbrechen. Ich habe sogar noch 0,07 Minuten dazugegeben. Vielen Dank.Abg. Johannes Kaiser
Danke, Herr Präsident, geschätzte Damen und Herren. Herr Mario Wohlwend, wir könnten über ein Zeitkontingent noch verhandeln, wenn Sie das von mir abkaufen möchten. Es sind sehr interessante Ausführungen gemacht worden zu diesem Aktuelle-Stunde-Thema betreffend den Arbeitskräftemangel. Es ist schon sehr speziell für Liechtenstein, dass 22'500 Arbeitskräfte aus dem Ausland täglich nach Liechtenstein kommen und wir bei inländischen Arbeitskräften auf die Zahl von rund 17'800 kommen. Also 44% inländische und rund 56% ausländische Arbeitskräfte. Wie ich auch aus Voten, insbesondere von der Landtagsvizepräsidentin Gunilla Marxer-Kranz gehört, habe, wird es die demografische Entwicklung gar noch verschärfen, dass der inländische Arbeitskräftemangel, diese Prozentzahl, noch geringer werden könnte. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir uns mit diesem Thema befassen.Die Abg. Franziska Hoop, die uns in diese Aktuelle Stunde eingeführt hat, hat eine ganz interessante Aussage gemacht, eine ganz interessante These in den Raum gestellt. Nämlich: Will man dem Arbeitskräftemangel entgegenwirken, liegt die Problemlösung vor der Haustüre. Ja, wir haben da noch Vieles nachzuholen, wie wir aus den Voten gehört haben. Es sind sehr interessante Ansätze gesagt worden. Neben der Feststellung und neben der Sensibilisierung müssen wir halt auch handeln. Wir müssen die Möglichkeiten ausschöpfen, die es gibt.Es ist auch ein interessantes Interview kürzlich im «Liechtensteiner Vaterland» veröffentlich worden von der Ökonomin Theresa Goop, die sich mit der Analyse Lohntransparenz «gleicher Lohn für gleiche Arbeit» befasst hat. Wobei sie das nicht so dramatisch sieht, dass hier die Schere so weit auseinandergeht. Aber auch sie sagt: Sensibilisieren allein genügt nicht. Man muss das Problem auch anpacken und anfassen und nach Lösungen suchen. Wie ich aus diesen verschiedenen Beiträgen herausgespürt habe, gibt es verschiedene Modelle, die möglich wären bei der Behebung oder, sagen wir, bei der Entschärfung des Arbeitskräftemangels. Es sind Modelle aufgezeigt worden, die sehr interessante Ansätze haben und die wir auch schon zu anderen Begebenheiten im Kontext mit anderen Problemstellungen diskutiert haben. Also müssen wir verschiedene Rahmenbedingungen optimieren. Und ein Schlüsselthema wurde immer wieder erwähnt - was ich persönlich auch finde -, das ist die Besserstellung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Abg. Manuela Haldner-Schierscher hat es sehr gut ausgedrückt: Mit mehr gemeinsamer Elternschaft, also die Care-Arbeit, die einen wesentlichen Fokus haben sollte, haben muss. Es muss eine grössere Aufwertung der Familienarbeit, der Frauenarbeit, auch die geteilte Arbeit von Mann und Frau in der Elternschaft ermöglicht werden. Der Ansatz ist dabei ganz sicherlich bei den Unternehmen. Also es nützt eigentlich nicht nur die Sensibilisierung. Auch die Studien von Zukunft.li sind interessant. Sie stellen fest, sie sensibilisieren, sie stellen Problemfelder infrage. Aber was jetzt wichtig wäre, ist das To-do. Wer macht wie was? Dass man hier wirklich Möglichkeiten ausschöpft, schaut, welche Möglichkeiten man ergreifen kann, und dem Handlungsbedarf - der ja wirklich nicht bestritten wird, sondern im Gegenteil, der Handlungsbedarf wird ja gesehen -, den Handlungsmöglichkeiten nachgeht und diese auch umsetzt. Ein möglicher Ansatz ist auch diese grosszügige Elternzeit, das geht auch in diese Richtung, die der Abg. Patrick Risch angesprochen hat. Es braucht jedenfalls ein Miteinander mit der Gesellschaft, mit Unternehmen. Wahrscheinlich insbesondere, dass man hier wirklich Formen schafft, die hier insbesondere das nachholen mit der Frauenerwerbstätigkeit - die Männer behaupten sich in diesem Markt, sage ich einmal, noch besser -, aber damit auch die Frauen besser in der Erwerbstätigkeit bleiben können, indem man auch die Möglichkeiten schafft, wie man Kinder miteinander erzieht. Dass man auch über ältere Arbeitskräfte Möglichkeiten schafft, dass diese im Arbeitsmarkt behalten werden können. Und wenn wir hier konkret ansetzen, das wäre vielleicht ein Ergebnis dieser heutigen Aktuellen Stunde. Dass man da nachdenkt, studiert, schaut, welche Möglichkeiten es gibt, und dass man dann aber auch diesen Schritt macht, Möglichkeiten ergreift und schaut, in welche Richtung man gehen kann. Ich glaube, heute ist ein ganz grosses Potenzial von Möglichkeiten dargestellt worden, die ich alle unterstütze und die ich sehr interessant gefunden habe. Danke schön. Landtagspräsident Albert Frick
Vielen Dank.Abg. Georg Kaufmann
Vielen Dank. Die FBP-Fraktion, der ich übrigens danke für das Einbringen dieser Aktuellen Stunde, hält in ihrem Schreiben fest, «dass es sinnvoll wäre, das inländische Potenzial besser auszuschöpfen». Dabei berufen sie sich auf eine Publikation der Stiftung Zukunft.li. Gemäss dieser waren Ende 2019 in Liechtenstein 76% der 20 bis 64-Jährigen erwerbstätig, während die Quote in der Schweiz bei deutlich höheren 83% lag. Als ein Hauptgrund führt Zukunft.li das in Liechtenstein stärkere Fernbleiben der Frauen vom Arbeitsmarkt ins Feld. Dem stimme ich zu. Ich sehe jedoch noch weitere Gründe für diese Differenz. Ich nehme diese Quotendifferenz denn auch nicht so tragisch. Ein viel grösseres Risiko sehe ich in der demografischen Entwicklung mit dem künftigen Ausstieg der Babyboomer aus dem Erwerbsleben. Ich habe heute schon zwei Kleine Anfragen gestellt, welche ältere Mitarbeitende und Langzeitarbeitslose betreffen. Aus meiner beruflichen Erfahrung mit diesen Menschen mache ich die Erfahrung, dass wir bei der Unterstützung dieser Menschen bezüglich ihrer Arbeitsmarktfähigkeit durchaus Luft nach oben haben. Ich wünsche mir, dass die Regierung sich diesbezüglich Massnahmen überlegt. Wir sollten ältere Menschen, die an sich gerne arbeiten würden, darin unterstützen, dass sie im Arbeitsprozess bleiben oder dahin zurückkehren können, sei es in Voll- oder Teilzeit. Dann zur Erwerbstätigkeit von Männern und Frauen. Offensichtlich sind die Erwerbsverläufe zwischen den Geschlechtern ab dem Alter 30 sehr unterschiedlich, und dies unabhängig vom Ausbildungsniveau. Frauen reduzieren aus familiären Gründen ihr Pensum oder steigen gezwungenermassen ganz aus einer Erwerbstätigkeit aus. Das tun sie aber nicht freiwillig, sondern es liegt an unseren mangelhaften und familienunfreundlichen Strukturen, welche eine Teilzeittätigkeit von Frauen und auch von Männern behindert, anstatt sie zu fördern. Beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Arbeit sollten wir wirklich vorwärtsmachen. Die öffentliche Hand, also Verwaltung und Schule, sollte vorbildhaft vorangehen und jungen Müttern auch Arbeitsstellen mit kleinen und Kleinstpensen anbieten. Dadurch können sehr gut ausgebildete Frauen, die ihre wichtige Betreuungsaufgabe in der Familie während einiger Jahre prioritär ausüben möchten, trotzdem mit einem Bein im Beruf bleiben und so ihre Arbeitsmarktfähigkeit behalten. Solche Kleinpensen für Frauen scheinen zurzeit bei uns nicht gewünscht. Diese Frauen weichen dann in die benachbarte Schweiz aus und sind für den Liechtensteiner Arbeitsmarkt leider verloren. Auch Männern sollte die Möglichkeit geboten werden, ihr Anstellungsverhältnis über mehrere Jahre reduzieren zu können, ohne deswegen einen Nachteil bei ihrer beruflichen Laufbahn zu haben. Im Gegenteil: Betreuungsaufgaben in der Familie sind gesellschaftlich sehr wichtige Aufgaben und sollten bei jeder Karriereplanung entsprechend honoriert werden. Wir haben bis August dieses Jahres die Pflicht, die EU-Richtlinie 2019/1158 umzusetzen. Im Wesentlichen geht es um die Einführung bezahlter Vaterschafts- und Elternzeit sowie bezahlte Zeit zur Pflege alter oder pflegebedürftiger Familienangehöriger. Die Richtlinie zielt darauf ab, durch verbesserte Bedingungen der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben der Unterrepräsentation von Frauen im Berufsleben zu begegnen und ihre Laufbahnentwicklung zu unterstützen. Damit erwarte ich mir Fortschritte, vor allem auch vonseiten der Privatwirtschaft. Wir haben einen Arbeitskräftemangel. Und in Zeiten des Mangels werden Dinge möglich, die vorher undenkbar waren. Darauf hoffe ich.Noch etwas Kurzes zum Wirtschaftsstandort Liechtenstein: Seit 2007 beschäftigen wir mehr Zupendler als inländische Beschäftigte. Für mich ist das zuerst einmal ein Beweis, wie erfolgreich und attraktiv der Wirtschaftsstandort Liechtenstein ist. Es lohnt sich, in Liechtenstein unternehmerisch tätig zu sein. Dafür gibt es viele Gründe, nicht zuletzt sind es die vorteilhaften steuerlichen und gesetzlichen Vorgaben. Aber ist dieser sehr ...Landtagspräsident Albert Frick
Die Zeit ist abgelaufen.Abg. Georg Kaufmann
... wirtschaftsfreundliche Kurs, den Liechtenstein fährt ... Vielen Dank. Landtagspräsident Albert Frick
Sogar eine Hundertstelsekunde mehr.Abg. Franziska Hoop
Besten Dank für das Wort, Herr Landtagspräsident. Ich sehe, es würde noch mehr Zeit benötigt werden. Es waren sehr spannende Voten, vielen Dank dafür. Ich denke auch, dass beim Bereich Vereinbarkeit Familie und Beruf vieles nun gemacht werden muss. Das Thema muss nun angegangen werden, wir brauchen gute Lösungen. Was ich aber sicher heute aus der Diskussion auch mitnehme, ist, dass wir auch sehr gut schauen müssen, wie wir ältere Menschen im Arbeitsmarkt halten können. Wie es mit den Arbeitspensen aussieht - wie die Landtagsvizepräsidentin geäussert hat: Man kann nur oben drin sein, wenn man 100% arbeitet - das darf es nicht geben. Oder auch, wie der Abg. Risch gesagt hat: Mit 55 ausgebrannt und nur noch sehnlichst warten, bis die Pension kommt, das darf es einfach auch nicht geben.Ich denke, dass wir hier als Landtag gefordert sind und ich nehme das auch mit, dass wir hier etwas angehen und dass wir Lösungen finden, um auch ältere Personen im Arbeitsmarkt zu halten, mit geringen Pensen. Denn eben, wie in meinem Votum geäussert: Ihr Erfahrungsschatz ist von unbezahlbarem Wert. Ich danke Ihnen für die Diskussion. Landtagspräsident Albert Frick
Vielen Dank. Nachdem es noch beachtlich viel FBP-Zeit hat, möchte ich auch noch einen Aspekt ansprechen. Es ist ja in vielen Ländern so, dass es keine Diskussion ist, ob ein Elternteil oder zwei Elternteile arbeiten. Um den Lebensunterhalt bestreiten zu können, müssen beide arbeiten. Ich denke, bei uns ist noch Wahlfreiheit in vielen Fällen gegeben, ob ein Elternteil zu Hause bleiben kann. Und wenn das so gewählt wird, ist das doch in aller Regel die Frau. Auf der anderen Seite, wie wir es heute hören, haben wir einen enormen Arbeitskräftemangel und das zunehmend auch in Berufen, die sehr hohe Qualifikationen verlangen. Nun ist es genau so, dass wir sehr viel gut ausgebildete Frauen im Land haben. Wir haben heute eine Maturaquote, die rund ein Drittel der Auszubildenden beträgt und darunter sind sogar mehr junge Frauen als junge Männer, die dann auch sehr gute und hochstehende Ausbildungen absolvieren. Es ist leider so, dass dieses Potenzial und diese Kompetenzen teilweise brachliegen. Wir sollten alles daran setzen, dass diese Kompetenzen so gut wie möglich ausgenutzt werden könnten. Aber wo liegen die Hürden? Ich meine, mindestens ein Aspekt davon ist, dass wir zu viele Vergünstigungen, zu viele Selbstbehalte einkommensabhängig machen. Ich glaube, ich bin mittlerweile sogar überzeugt, dass wir beispielsweise bei der Ausgestaltung der Kitaselbstbehalte ein Eigentor geschossen haben. Es sollte einfach nicht sein, dass ein Zusatzverdienst automatisch weggefressen wird, indem die Ausgaben für die Kita oder beispielsweise eine höhere Steuerprogression, die sich automatisch ergibt, oder indem der Anspruch von Stipendien für die Eltern von Auszubildenden wegfällt, dass es so weit kommt, dass das Zweiteinkommen mitunter für die Katze ist. Ich denke, an diesen Aspekt sollten wir auch denken, damit wir nicht weiter in die Falle tappen, dass ein Zweiteinkommen eigentlich völlig nutzlos ist, weil es finanziell schlussendlich nichts einbringt. Das wäre der Aspekt, den ich einbringen wollte. Es wäre noch Zeit für weitere Meldungen. Keine Chance auf eine Replik.Abg. Bettina Petzold-Mähr
Besten Dank für das Wort. Ich möchte Ihnen einfach eine kurze persönliche Anekdote erzählen. Als ich nach meinen Kindern wieder angefangen habe, zu arbeiten, habe ich 60% gearbeitet und mein Mann 100%. Wenn die Kinder drei Tage in die Kita gegangen wären, wäre mein Einkommen komplett aufgefressen gewesen. Wir hatten das Glück, dass meine Eltern die Kinder einen Tag betreut haben oder das immer noch machen. Dafür bin ich dankbar. Ansonsten hätte sich das für uns in keinster Art und Weise gelohnt. Besten Dank. Landtagspräsident Albert Frick
Vielen Dank. Wenn es keine weiteren Wortmeldungen gibt, dann haben wir die Aktuelle Stunde, Traktandum 9, beendet. -ooOoo-